Monika Fischer, 58
wohnhaft in Reiden
freie Journalistin BR, Autorin
9

Begegnung im Wald

Maria dachte daran, wie sie sich weggedreht hatte, als Nicolas ihr nach dem Aufwachen einen Kuss geben wollte. Trotzdem wehrte sie sich entrüstet und fügte mit aufkommendem Zorn hinzu: «Und wenn ich einen Liebhaber hätte! Du hast ohnehin nur noch deinen Job im Kopf. Was ich denke, fühle und mache, ist dir doch scheissegal!»

Obwohl ihre Wut echt war, fühlte sie sich im Gedanken an den gestrigen Vormittag ertappt. Seit Wochen lag eine dicke Wolken- und Nebeldecke über der Kleinstadt. Die trübe Stimmung passte zu ihren Gefühlen. Warum nur war sie an diesen gottverlassenen Ort gezogen? Was war aus ihren Erwartungen in eine neue Zukunft geworden? Wo war ihre Unabhängigkeit geblieben?!
Von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, machte sich Maria auf den Weg in den nahen Wald. Gedankenverloren lief sie über die mit Jurakalk gekiesten Wege. Ziel- und ruhelos. Bis unvermittelt er vor ihr stand.
Schon früher war er ihr in den Gassen von Zotingen aufgefallen. Nun lachten sie dunkle Augen in dem von einem angegrauten Vollbart umrahmten Gesicht offen an. Ein feuerroter Schal war um seinen Hals geschlungen.
«Ich bin Kurt.» Sie ergriff die ausgestreckte Hand. Die Berührung entfachte in ihr eine ungeahnte Wärme, die sich im ganzen Körper ausbreitete. Sie wechselten ein paar belanglose Sätze, bis er sich mit einem «bis zum nächsten Mal» verabschiedete.
Maria war verwirrt. Was nur hatte der Fremde in ihr angerührt? Was hatte er geweckt? Wie im Traum ging sie weiter. Sie sog den modrigen Geruch von feuchtem Holz und Laub ein und fühlte den Nebel belebend auf ihrer Haut. Welch reizvollen Kontrast bildete das intensive Braunrot der nassen Buchenblätter zu den dunkelgrünen Eiben! Sie dehnte und streckte sich im Gehen. Erstmals faszinierte sie der Blick auf das verträumte Städtchen zwischen den Baumstämmen.

Dies alles ging Maria bei Nicolas’ Anspielung blitzschnell durch den Kopf. Konnte ihr Mann Gedanken lesen, wenn er von einem möglichen Liebhaber sprach? Denn in der Nacht hatte sie von Kurt geträumt.
    41
42