 |
dessen Umarmung am Fenster sie seltsam berührt hatte.
Aber jetzt wollte sie erst einmal weg, nur fort aus dem Ort und dem Haus, mit dessen Wahl alles begonnen hatte. Sie wusste auch genau wohin: runter an die Bare, dort wo die Wacker einmündet, um ihren ganz persönlichen Kraftort aufzusuchen und erst einmal die tausend Gedanken zu ordnen. Maria brauste Richtung Barburg, sah in den Augenwinkeln noch kurz die Drachenstatuen am Zotinger Stadteingang thronen. Mit ihren steinernen Mienen und den scharfen Krallen schauten sie aus, als ob sie sie verjagen wollten.
Maria wusste nicht mehr genau, wie sie es überhaupt auf den von Sträuchern etwas verborgenen grossen Stein am Lauf der Bare geschafft hatte, den sie einmal beim Joggen entdeckt hatte. Jetzt endlich konnte sie wieder frei atmen. Sie genoss die kalte, trockene Winterluft, sog sie langsam durch die Nase und tief hinab in ihre Lunge. Das verhalf ihr zu einem klareren Kopf.
Was war nur geschehen? Minutenlang harrte sie in der winterlichen Stille aus, hörte das Rauschen des Wassers. Dutzende von Bildern glitten vor ihrem geistigen Auge dahin, ohne dass sie in der Lage war, sie zu fassen und zu ordnen. «Onkel Willy!», schoss es ihr urplötzlich durch den Kopf: Wie war das genau mit dem Foto von Kurt? Warum hatte er sich heimlich in ihr Haus geschlichen und es mitgenommen? Sie musste ihn aufsuchen und ihn zur Rede stellen. Getreu seinem Ratschlag wollte sie den Geheimnissen, die der Tag bringt, auf den Grund gehen. |
|
Mit einem Ruck stand Maria auf, bog ihr Kreuz durch und marschierte dann mit festem Schritt zurück zu ihrem Auto. Noch einmal holte sie tief Luft, stieg ein, startete den Sechszylinder-Motor und drückte aufs Gaspedal. Auf der Fahrt zu Onkel Willy liess sie ihren Gedanken freien Lauf und nahm erst kurz vor dem Ziel den Blutgeschmack auf ihrer Unterlippe wahr, in die sich ihre Schneidezähne gebohrt hatten.
Onkel Willy war eben im Begriff, das Haus zu verlassen, warm eingepackt in eine Schaffelljacke, als Maria durch die gläserne Schiebetür in die Eingangshalle des Tannenbergs stürzte. «Ho ho, nicht so hastig mein Kind!» Freundlich lächelte Willy Maria an und hielt ihr den Arm hin. «Komm, wir gehen spazieren.» Ehe sich Maria versah, war sie unterwegs mit Willy Richtung Heitersberg. Auf dem schmalen Fussweg, den einmal jährlich auch die Musikfans aus der ganzen Schweiz benutzen, um ans Zotinger «Heitere Open Air» zu gelangen, unterbrach Onkel Willy die Stille. «So, und jetzt erzählst du mir, was dir auf der Zunge brennt. Ich sehs dir an meine Liebe, du weisst etwas, was mich auch betrifft.» Fassungslos wandte sich Maria zu Willy, und als sie in seine Augen schaute, wusste sie, dass sie mit derjenigen Person unterwegs war, die weit mehr über Kurts Tod wusste als die Sondereinheit «MS»!
|
 |