Stefan Wullschleger, 24
wohnhaft in Vordemwald
Elektroingenieur FH,
http://zunft.mordor.ch
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Der Brief des Wachmanns

Maria stellt sich, Willys Augen nicht aus den ihren verlierend, vor ihn hin. Sie bleibt stehen, so, dass er nicht weitergehen kann. Willy hält ein wenig erschrocken an, seine Miene verdunkelt sich: «Deine Nachricht wird mich nicht erfreuen stimmt’s?» Maria zögert einige Sekunden, bis sie die Worte über ihre Lippen bringt: «Kurt wurde heute tot aufgefunden!» Willys Gesicht erstarrt. Vor sich zu Boden blickend schreitet er weiter an Maria vorbei. Maria folgt mit ihrem Blick seinem Gesicht. Sie neigt fragend ihren Kopf zur Seite. Ihr Gesicht verzerrt sich, als erwarte sie eine Antwort auf die Fragen, die ihr im Moment durch den Kopf schiessen, die sie aber nicht auszusprechen vermag. Schweigend, aber verwundert über seine Gefasstheit, schreitet sie ihm hinterher.
Erst ganz oben auf dem Heitersberg hält der alte Mann
inne. Er schaut andächtig auf das mit weissem Puder überdeckte Städtchen. Maria sieht, dass die Augen von Willy ganz gläsern sind. Sie schweigt, da sie erkennt, dass sie seine Gedanken jetzt nicht stören sollte.
Maria zupft an seinem Ärmel. Willy dreht seinen Kopf so langsam zu Maria, als hätte er alle Zeit der Welt. Maria zeigt mit der Hand auf die Sitzbank, vor der sie stehen. Sie setzen sich. Seine ersten Worte sind knapp und undeutlich: «Armer Kurt ..., er hatte von allem keine Ahnung.» – «Keine Ahnung von was?», will Maria wissen. Willys Kopf neigt sich zum Boden. Ein Seufzer ist seine Antwort auf diese Frage.
Minuten des Schweigens vergehen. «Wurden ihm ... Gliedmassen abgetrennt?», fragt er mit stockender, aber analytischer Stimme. – «Ja, seine rechte Hand, beim Handgelenk.» Seine Miene wird ernst. «Genau wie es geschrieben steht ... Maria, es tut mir sehr leid. Ich hatte gehofft, es wäre nur ein schauderhaftes Märchen.» Maria ist ungeduldig. Seine langen Denkpausen treiben sie auf die Palme, aber sie begreift den Ernst der Situation und lässt es sich nicht anmerken.
Endlich beginnt Willy zu erzählen: «Im Schliessfach befindet sich noch ein zweiter Brief. Ein Brief von einem Wachmann der Leibgarde des Königs an die Heilerin Hildagurd. Er beschreibt eine sonderbare Variante der Heldengeschichte von Zot ... Dieser soll die Keuschheit der Königsfamilie nicht verteidigt, sondern selbst verletzt haben. Das Opfer – Esmeralda, die älteste
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