 |
|
|
| 21 |
Unverhofftes Wiedersehen
«Wo mag Onkel Willy heute Morgen schon gewesen sein?», denkt sich Nicolas, als er den Alten über das Pflaster Richtung Stadtbibliothek schlurfen sieht. Seine Gedanken kehren aber unvermittelt zu seinen eigenen Problemen zurück. Nachdem er den Kirchplatz überquert hat, steht er vor einem stilgerecht renovierten Altstadthaus, an dessen Türbogen mehrere Messingschilder angebracht sind, von denen eines die gesuchte Aufschrift trägt: «Dr. iur. Christoph Fontana, Fürsprecher und Notar, 1. Stock». Er erklimmt die bei jedem Schritt leicht knarrende Treppe, atmet den herben Duft frischer Bodenwichse ein, der ihn jedes Mal an seine frühesten Besuche in Willys Villa erinnert, rückt sich die Krawatte zurecht, klingelt und tritt ins Vorzimmer ein. Im Gegensatz zur etwas abgestanden-behaglichen |
|
 |
Atmosphäre des Treppenhauses herrscht hier kühle, topgestylte Eleganz in Stahl und weissem Leder. Halb verborgen hinter einem Computerbildschirm mustert ihn, über eine mächtige Hornbrille blickend, eine nicht unattraktive, gross gewachsene Frau in Schwarz. Sie heisst ihn, in einem Sessel an einem Nebentischchen Platz zu nehmen. Kurz darauf öffnet sich nebenan eine auf der Innenseite gepolsterte Türe, unter der Dr. Fontana erscheint, mit Wuschelkopf, Nickelbrille, Jeans und zerbeultem Pullover. Er bittet Nicolas in sein Büro.
Die Besprechung verläuft kurz und sachlich. Der Anwalt folgt mit konzentrierter Miene Nicolas Bericht über seine sich anscheinend in der Grauzone zur Illegalität bewegenden Feldversuche mit den von YcNAN Molecular entwickelten SmartDust-Pillen. Indessen kommt er zum Schluss, dass die regelmässige wöchentlich zweimalige Ablieferung dieses Materials an einen gewissen Kurt für Nicolas anlässlich der auf heute Nachmittag anberaumten Befragung durch den Untersuchungsrichter wohl kaum einen Fallstrick bedeuten könne. Das hörbar erleichterte Aufatmen seines Klienten erfährt aber sogleich einen Dämpfer, als der Anwalt die Nase kraus zieht, die Nickelbrille hochschiebt, sich umständlich räuspert und dann fortfährt: «Das Anwaltsgeheimnis verbietet mir selbstverständlich, Namen oder genauere Umstände preiszugeben, doch möchte ich Ihnen nicht verschweigen, dass vor kurzem im |
 |