Kurt Stehlin, 38
wohnhaft in Oftringen
Pfarrer in der ev. - ref.
Kirche Oftringen
www.kirche-oftringen.ch
www.stehlin.net/puk
25

Weitere Überraschungen

Vom heftig klingelnden Telefon wird Maria aus ihrem Traum gerissen. Ihre Gedanken kreisten um den Traum. Diesmal stand sie im Traum nicht im kalten Nebel auf einer einsamen Brücke, in deren Nähe die quietschende Lokomotive vorbeischnaubte. Sie erschrak fast mehr von diesem Traum als von den Alpträumen, von denen sie so häufig schweissgebadet aufgewacht war. Nicolas? Was würde Nicolas dazu sagen? Ist dieser Traum eine Flucht aus ihrer eingeschlafenen Beziehung?
Das Telefon klingelte weiter. Ihre Traumwelt entschwand rasch. Erst jetzt merkte sie, dass sie vor dem Fernseher eingeschlafen war. Sie wusste nicht einmal, welchen Film sie schauen wollte. Sie war so müde von all den Ereignissen in den letzten Tagen, dass sie vor dem TV eingeschlafen war. Gerade sie, die sich aufregt über die
Leute, die vor dem Fernseher einschlafen. Maria schaute auf die grosse Pendule, ein altes Familienstück, das Onkel Willy gerne in sein Zimmer in den Tannenberg mitgenommen hätte, aber letztlich doch zu gross war. Maria erschrak. So lange hatte sie geschlafen? Nicht nur die Pendule, auch ihre elegante Rado zeigte die gleiche Zeit: 1.15 Uhr. «Was? So spät? Wo ist Nicolas? Ist ihm etwas passiert?» Mit weichen Knien eilte sie zum Telefon. «Wer ruft um diese Zeit an?» Tausend Gedanken jagten durch ihren verwirrten Kopf. In Sekundenbruchteilen durchlief sie die Ereignisse der letzten Wochen. «Ein weiterer Toter? Aber nicht Nicolas!» Hier merkte sie, wie sie ihn über alles liebte und seine Art mehr als schätzte. Mit zitternder Hand nahm sie den Hörer ab.
Onkel Willy hätte sie am allerwenigsten erwartet. Er wolle sie nicht erschrecken. Es tue ihm Leid, dass er mitten in der Nacht anrufe. Aber er wolle ihr mitteilen, dass sie ihn am Sonntagmorgen nicht abholen müsse. Er könne mit jemand anderem mitfahren. «Ach, stimmt.» Das hätte Maria beinahe vergessen. Morgen Sonntag, das heisst, heute Sonntag, wird Onkel Willys jüngster Enkel, Jan, in der Kirche Loftringen konfirmiert. Eigentlich meidet sie Familienfeste. Doch Onkel Willy bestand darauf, dass Nicolas und sie zur Konfirmation und zum anschliessenden Essen im Hotel Storchen mitkommen. Jan, der jüngste Sohn seiner jüngsten Tochter, sei früher häufig bei ihnen, den Grosseltern, in
    109
110