Urs Baumgartner, 37
wohnhaft in Mühlethal
Kaufm. Angestellter, Hirt, Reallehrer
www.zalp.ch
44

Alles wird gut

«Alles wird gut! Alles! – So hoffnungslos einfach ist die Lösung!» Willy lachte in den leeren Lesesaal der Stadtbibliothek und legte seine Lektüre zur Seite. «Watzlavick, dieser elende Kommunikationsforscher hat wie immer Recht!», dachte sich der Pensionär. «Meine Lösung wird genau so einfach und hoffnungslos. Dazu brauch ich jetzt allerdings wieder jemanden aus Zotingen, der noch rüstig auf den Beinen, aber sonst stark beeinflussbar ist.» Sofort tauchten hunderte Namen in seinem Kopf auf. Wen sollte er während der Beerdigung in den Weinkeller locken?

Nicolas war an diesem warmen Herbstabend ausgesprochen fit: keine Alpträume vergangene Nacht, keine nervende Maria während des ganzen Tages, keine
wichtigen Termine heute Abend. Er betrachtete sich drei Minuten lang im Spiegel, schaute sich spielerisch prüfend tief in die Augen, umfuhr mit den Händen sein Gesicht, spannte den Brustkorb und liess seine Muskeln spielen. Doch, doch! Er war noch da. Der Besuch der Basilika an der Bare, der fast traumhafte Fahrradausflug, die immer wiederkehrende Frage: «Wer bin ich?» Heute würde er die Antwort finden. Aus seiner kunstledernen Aktentasche entnahm er aus einem Seitenfach zwei SmartDust-Pillen, schluckte sie mit Wasser runter, legte Puccini auf, liess sich aufs Bett fallen und wartete ab.

Maria schaute in die ernsten Augen des jungen Mannes, dessen Namen sie zwar noch nicht kannte, dessen Nähe sie jedoch dringend nötig hatte. Sie fühlte sich immer noch schwach, so schwach wie noch nie. «Weinen Sie ruhig weiter, es hilft. Ich heisse Patric. Ich kann Ihnen helfen.» Hatte er sich wiederholt, hörte sie seine Worte erst jetzt? Alles wie durch Watte. Sein Gesicht, nah an ihrem, sah sie immer undeutlicher. Sie wollte ihm antworten, das gelang ihr aber nicht mehr ganz. Ihr wurde noch gerade bewusst, dass ihr Fröhlichkeitsanfall von vorhin der Anfang eines Nervenzusammenbruchs war, sie sah die Gesichter von Willy, Nicolas, Leo, Hildagurd und eines Unbekannten, dann glitt sie in eine wunderbar schwarze und angenehme Bewusstlosigkeit.
Die alte Frau, in einem einfachen, leuchtend roten
    195
196